Q&A mit James Allison
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James Allison ist Technischer Direktor des Mercedes-AMG Petronas F1 Teams
Frage: James, wir stellen heute unser neues Formel 1-Auto vor, den Mercedes-AMG W11 EQ Performance. Worauf habt ihr bei der Entwicklung des neuen Autos das Hauptaugenmerk gelegt?
James Allison: Das Reglement blieb für das neue Jahr weitestgehend unverändert. Für uns ging es deshalb vor allem darum, sicherzustellen, dass uns bei der Entwicklung eines Autos, das im Vorjahr gut funktioniert hat, nicht der Schwung verloren geht. Wenn wir ausschließlich die Basis von 2019 weiter verfeinert hätten, hätten wir sicher einige Verbesserungen gefunden, aber höchstwahrscheinlich würde der Ertrag jetzt so langsam nachlassen. Deswegen wollten wir Aspekte des Fahrzeugkonzepts verändern. Aspekte, die sich während einer Saison unmöglich verändern lassen. So wollten wir eine ergiebigere Basis für die neue Saison schaffen. Wir nahmen einige wenige gut durchdachte Änderungen an der Architektur vor, um die Weiterentwicklung trotz der relativ unveränderten Regeln voranzutreiben.
Frage: Wie sehen diese Änderungen aus?
James Allison: Zusätzlich zu den üblichen Weiterentwicklungen während des Winters haben wir uns auf drei Bereiche konzentriert: einen an der Front, einen in der Mitte und einen am Heck des Autos. Vorne akzeptieren wir eine größere strukturelle Komplexität rund um die Querlenker und Radfelgen, um insgesamt eine performantere Baugruppe zu erhalten. In der Fahrzeugmitte gehen wir mit dem Fahrerlager-Trend und schieben die obere seitliche Crash-Struktur in eine tiefere Position und nehmen den aerodynamischen Vorteil mit, den diese Anordnung bringt. Am Heck des Autos haben wir uns für ein experimentierfreudiges Aufhängungslayout entschieden, um damit Möglichkeiten zur aerodynamischen Weiterentwicklung zu schaffen. Alle drei Veränderungen waren schon für sich alleine gesehen Verbesserungen, aber der tatsächliche Effekt ist eine Gruppe von sekundären Aerodynamikvorteilen, sowohl während des Winters als auch hoffentlich im Verlauf der kommenden Saison.
Frage: Welche weiteren Verbesserungen gibt es am neuen Auto?
James Allison: Wir haben wie immer an jedem Quadratmillimeter des Autos gefeilt, um unter dem stabilen Reglement weitere Verbesserungen zu finden. Die Belohnung dafür war der Abtrieb, den wir seit dem letzten Rennen im Vorjahr gefunden haben. Entsprechend sind wir zuversichtlich, dass uns diese drei Projekte eine gute Basis zur Performancesteigerung bieten, die mit dem 2019er Auto nicht möglich gewesen wäre.
Frage: Eines der großen Themen des Vorjahres war die aerodynamische Effizienz. Welche Schritte habt ihr an dieser Front unternommen?
James Allison: Die aerodynamische Effizienz ist einer der wichtigsten Punkte in jeder Saison. Das Auto, das die beste aerodynamische Effizienz auf einer bestimmten Strecke aufweist, nutzt die Form seines Bodyworks am besten aus, um die Rundenzeiten zu verbessern. Im Verlauf der vergangenen Saison wurde der Begriff „Effizienz“ manchmal etwas irreführend als Platzhalter bei der Diskussion um Topspeeds auf der Geraden verwendet. Echte Effizienz wird aber durch das Paket erzielt, das die größte, fahrbare Menge an Abtrieb bei dem korrekten Niveau an Luftwiderstand liefert. Unsere Arbeit an der Aerodynamik, untermauert von Streckensimulationen, ist so angelegt, dass sie dies erreicht und wir reisen bei jedem Rennen mit einem Bodywork-Setup an, von dem wir glauben, dass es die beste Wahl mit Blick auf die aerodynamische Effizienz für diese Strecke ist. An den Regeln gab es keine großen Veränderungen, weshalb das Auto einen sehr ähnlichen Luftwiderstand wie im Vorjahr aufweisen wird. Was sich aber natürlich geändert hat, ist, dass wir durch unsere Arbeit im Winter die aerodynamische Effizienz des Pakets verbessert haben. Dadurch erhalten wir ein Auto, das bei diesem Luftwiderstand mehr Abtrieb erzeugt.
Frage: Das Vorjahresauto hatte Schwierigkeiten bei hohen Temperaturen. Was habt ihr dagegen unternommen?
James Allison: Wir haben das Kühlpaket verbessert. Wir haben mehr Fläche geschaffen, also tatsächliche Kühlbereiche am Auto. Das ist während der Saison nur sehr schwierig ohne große Nachteile zu erzielen. Aber zwischen den Saisons ist es möglich und es kostet dich nichts, außer ein bisschen an Gewicht. Zugleich profitieren wir vom Einsatz bei HPP. Sie haben daran gearbeitet, die Betriebstemperatur des Motors zu erhöhen, was die Kühlanforderungen für uns senkt. Denn je heißer die Flüssigkeiten werden können, desto weniger Kühlung benötigen sie.
Frage: In der Saison 2021 erwarten uns die größten Regeländerungen in der Geschichte der Formel 1. Hat das einen Einfluss auf die Entwicklung des diesjährigen Autos?
James Allison: Kein Team kann es sich leisten, Änderungen wie jene für 2021 zu ignorieren. Im Verlauf der vergangenen Jahre hatten wir eine ungewöhnlich hohe Anzahl an erheblichen Regeländerungen, aber verglichen mit dem, was uns 2021 erwartet, wirken sie alle minimal. Aus diesem Grund setzen wir einen großen Teil unserer Anstrengungen dafür ein, den bestmöglichen Weg für 2021 zu finden. Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass wir auch 2020 effektiv arbeiten. Dieser Spagat wird in diesem Jahr ein wichtiges Thema darstellen. Auf die eine oder andere Weise sieht sich jedes F1-Team diesem Dilemma gegenüber, aber in diesem Jahr wird es durch die enormen Veränderungen am Reglement für 2021 um ein Vielfaches verstärkt.
Frage: Welchen Einfluss haben die kürzeren Wintertests auf die Vorbereitung des Teams?
James Allison: Wenn wir mit unseren Designs, bei unseren Arbeiten auf dem Prüfstand und bei der Vorbereitung des Autos gute Arbeit geleistet haben, dann sollten wir unser Programm an den sechs Tagen durchbekommen. Aber wenn wir ein unerwartetes Zuverlässigkeitsproblem haben sollten, würde es sehr schnell unser Programm aushebeln, sodass uns in Melbourne viel Erfahrung fehlen würde. Aus diesem Grund haben wir besonders darauf geachtet, dass wir eine gute Vorbereitung in der Fabrik hinlegen und alles funktioniert, wenn wir auf die Strecke fahren. Damit wir uns dann darauf konzentrieren können, das Auto schneller zu machen. Uns ist allen bewusst, dass wir vor zwölf Monaten erst am achten und letzten Testtag richtig in Fahrt gekommen sind und wir haben uns fest vorgenommen, dieses Erlebnis nicht zu wiederholen!
Frage: Wie wichtig ist der Shakedown?
James Allison: Der Shakedown war schon immer wichtig, aber in diesem Jahr ist er besonders entscheidend. Es ist unsere letzte Chance, um sicherzugehen, dass vor dem ersten offiziellen Wintertesttag alles stimmt. Wenn beim Shakedown alles gut läuft, befinden wir uns in einer guten Position, um am ersten Testtag in Barcelona um 9:00 Uhr aus der Box zu fahren und Runden abzuspulen. Aufgrund des verkürzten Wintertestprogramms ist es umso wichtiger, beim Shakedown alles abzuhaken, damit wir alles herausholen können, was möglich ist.
Frage: Es ist nahezu unmöglich, etwas über die Konkurrenz zu sagen, ohne deren Autos richtig im Einsatz gesehen zu haben. Aber wie würdest Du das Kräfteverhältnis einschätzen?
James Allison: Wir hatten einen perfekten Start in die vergangene Saison, der es uns ermöglichte, einen Vorsprung in der Weltmeisterschaft herauszufahren. Das hat es sehr schwer für unsere Gegner gemacht, uns in der zweiten Jahreshälfte noch anzugreifen. Aber in der zweiten Saisonhälfte haben sowohl Ferrari als auch Red Bull uns mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit eingeholt. Wir gehen davon aus, dass es in dieser Saison genauso weitergehen wird. Deshalb erwarten wir von Anfang an einen Dreikampf zwischen diesen Teams. Es wird keinen Spielraum für Fehler geben.
Frage: Im Vorjahr sah das Auto bei der Vorstellung aerodynamisch noch ganz anders aus als in der zweiten Testwoche in Barcelona. Wird es beim W11 eine ähnliche Evolution geben?
James Allison: Nein, in diesem Jahr gehen wir etwas konventioneller vor. Wir werden erneut Upgrades für Melbourne haben, die in der zweiten Testwoche kommen, aber es wird nicht wie 2019 ein komplett neues Auto geben. Im vergangenen Jahr wurden die Regeln recht deutlich geändert und die Entscheidung dafür fiel erst ziemlich spät im Jahr. Unter diesen Umständen gaben uns ein Launch-Auto in Woche eins und ein Fahrzeug für die zweite Woche die Möglichkeit, die bestmöglichen Lehren für unser Melbourne-Auto zu ziehen. In diesem Jahr sind die Regeln stabiler und da die Entwicklung für das 2020er Auto auf dem Niveau begann, auf dem sich das letztjährige Fahrzeug am Saisonende befand, würde es keinen Sinn machen, den Ansatz aus dem Vorjahr zu wiederholen.
Frage: Der Mercedes-AMG F1 W11 EQ Performance wird der schnellste Formel 1-Mercedes, den wir jemals gebaut haben. Was bedeutet das für einen Ingenieur?
James Allison: Ich liebe es, wenn die Autos jede Saison neue Rekorde erzielen. Mir gefällt es sehr, dass in den vergangenen beiden Jahren Rekorde gebrochen worden sind, die für viele Saisons Bestand hatten. Die aktuelle Generation an Formel 1-Rennwagen hat jeden Rekord gebrochen, den es gab. Deshalb finde ich es ein wenig schade, dass es in der Saison 2020 wohl für einige Jahre zum letzten Mal so sein wird, aber so lange werde ich es auf jeden Fall genießen.
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